Ausgelesen.
Ich glaube nicht, dass wir erblindet sind, ich glaube, wir sind blind, Blinde, die sehen, Blinde, die sehend nicht sehen.
Unerwartet kam die Erkenntnis darüber, dass ich im Laufe der Geschichte gar nicht mehr so sehr darauf erpicht war, herauszufinden, was die Ursache für die plötzlich aufgetretene Blindheit einer ganzen Stadt ist. José Saramagos Werk ist kein Medizin-Thriller, wie man vielleicht zunächst vermuten könnte. Irgendwann war es gar nicht mehr wichtig, Fragen wie “Warum ist das passiert?” und “Werden sie wieder sehen können? Und wenn ja, wodurch?” beantwortet zu bekommen.
Ich denke, bei “Ensaio sobre a Cegueira” ist es vielmehr der Verlauf der Handlung selbst als das Ergebnis das Fesselnde. In einer namenlosen Gesellschaft, die jede existierende Stadt widerspiegeln könnte, geschieht ein Unglück und es ist weniger relevant, warum dies geschieht, als vielmehr, wie die Menschen und ihr politisches System darauf reagieren.
Grausamer, als ich gedacht hätte, und damit wohl nicht als leichte Einschlaflektüre gedacht. Dennoch nicht so bombastisch und spektakulär wie ein Thriller. “Die Stadt der Blinden” ist auf eine hässliche Art und Weise packend.
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Die Stadt der Blinden – José Saramago (1)
Anja Strilek
Ein stilles, geradliniges Buch, was ohne Effekthascherei von der ersten bis zur letzten Seite spannend ist.
Seit Wochen liegt es nun schon unter meinem Couchtisch, mit einem Lesezeichen zwischen Seite 102 und 103. Eigentlich müsste ich es noch bis Seite 375 schaffen, eigentlich müsste ich durchhalten und die Phase überstehen, in der es ein bisschen langweilig zugeht bei den Schafen Mopple, the Whale und Co. Denn viele sagen ja, dass es bei “Glennkill” leider diese Spannungsdürreperiode gibt, aber dass das Buch zum Ende hin dann wieder aufregender wird.
Endlich leuchtete das grüne Licht auf, die Autos fuhren abrupt an, doch sofort bemerkte man, dass nicht alle zugleich losgefahren waren. Das erste in der mittleren Reihe steht, da muss es irgendein technisches Problem geben [...] Einige Fahrer sind schon auf die Straße gsprungen, bereit, das stehengebliebene Auto von der Straße zu schieben, damit es den Verkehr nicht mehr behindert, sie klopfen heftig gegen die geschlossenen Scheiben, der Mann im Auto wendet ihnen das Gesicht zu, zur einen, dann zur anderen Seite, man sieht, dass er etwas ruft, an der Bewegung seiner Lippen sieht man, dass er ein Wort wiederholt, nicht eins, nein, in Wirklichkeit drei, wie man erfahren wird, wenn endlich jemand die Tür öffnen kann, Ich bin blind.


