Zartschmelzende „Weiße Nächte“

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„Es war eine wundervolle Nacht, die es wohl nur geben kann, wenn wir noch jung sind, mein lieber Leser.“

Schon beim ersten Satz schleudert mich Fjodor Dostojewski von einem Gefühl zum nächsten. Die ersten Worte versprechen Wunderbares, aber irgendwie mag ich es nicht, direkt angesprochen zu werden. Doch ich lese darüber hinweg und mich in die Welt eines Träumers. Er erzählt von seinen Streifzügen durch Petersburg und die Natur. Wie er in einer Nacht Nastjenka trifft. Wie er in dieser Nacht das erste Mal in seinem Leben aufhört, zu träumen. Und anfängt zu leben.

Früher habe ich immer einen Bogen gemacht, um so kleine Reclamhefte und alles, was auch nur 5 Meilen gegen den Wind nach alter Literatur und Klassiker gerochen hat. Heute aber habe ich anscheinend Schnupfen und eine Empfehlung bringt mich dazu, anzufangen, nicht aufzuhören, ein- und am Ende der 88 Seiten benetzt mit wunderbaren Bildern wieder aufzutauchen.

Liest man langsam genug, kann man sich über Stellen wie „und auch zu Hause war ich ganz aus dem Häuschen“ grinsend freuen genießen. Und sich gnädig ein wenig über das damalige Traumfraubild amüsieren: „[er wünschte sich] dass dort neben ihm ein liebliches Wesen säße, das ihm an Winterabenden mit geöffnetem Mündchen und offenen Äuglein zuhört, genauso, wie Sie mir soeben zuhören, mein kleines Engelchen…“.

Eine Liebesbegegnung, voll von Gefühl und Bildern nimmt ihren Lauf. Und das Herz krampft sich zusammen, wenn der Träumer anfängt, mit jeder Faser seines Lebens zu fühlen und sich damit gleichzeitig tiefe Wunden ins Herz schlägt.

„‚Nicht wahr, wie werden jetzt immer beisammen sein?‘
‚O Nastjenka, Nastjenka‘! Wenn Du wüsstest, wie einsam ich eben bin‘ „

Wunderbar. Ein Traum über die Liebe, über Menschsein und Gefühle, die nie das Beste für einen wollen. Gefühle, die man so gern eintauschen würde. Und über die Wunderbarkeit eines Moments für ein ganzes Leben.

„‚Warten Sie, warten Sie; es wird gleich vorüber sein! ….diese Tränen- sie rühren nur von Schwäche her, warten Sie nur, sie werden gleich vorübergehn…'“ (Nastjenka)

Mein Bücherknabbern-Fazit: Endlich ein Buch, das mich begeistert. Für alle mit Herz. Und alle, die gern eines hätten. Eine unbedingte Empfehlung – zum langsam auf der Zunge zergehen lassen.

(Anika Lindtner)

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6 Gedanken zu „Zartschmelzende „Weiße Nächte“

  1. Frank sagt:

    freut mich, dass es dir auch so gut gefallen hat :-)

  2. Anika sagt:

    ja, das liest Du so aus der Kritik heraus? naja, da wär ich aber vorsichtig…*g*;-)

  3. Anj sagt:

    Also der Beginn des Buches hätte mich abgeschreckt. Ich lese das so mit einer arroganten, ich-bin-alt-und-weise-Stimme und von daher gefällt auch mir das „mein lieber Leser“ ganz und gar nicht.

    Ich möchte das Buch auf jeden Fall auch lesen, auch wenn ich noch nicht im Voraus begeistert bin. Ich glaube, es könnte bei mir hart an der Grenze zwischen luftig-leichter, wunderschöner Liebesgeschichte zu überschnulztem Kitsch sein. Sorry für die bösen Worte, natürlich kann ich keines der beiden Urteile abgeben und werde ersteinmal darauf warten, was mein Herzchen sagt, wenn es die Geschichte ganz erfahren hat.

  4. Anika sagt:

    hmja, wie gesagt, mag ich das eigentlich auch nicht, aber das hat sich dann auch verwachsen und man kann es auch so sehen, dass der arme Träumer, sich jemadem anvertrauen musste…das ist dann schon wieder ein bisschen lieber und kommt nicht so arrogant rüber..ist galube ich nicht überschnulzt…kommt drauf an, wie man sich entscheidet, dazu zustehen. Wenn Du erstmal akzeptiert hast, dass jemand innerhalb von Stunden wahnsinnige Gefühle aufbauen kann und eben darüber hinwegsiehst, dass das vielleicht nicht die normalste Sache der Welt ist, dann wird Dir das Buch bestimmt gefallen:-)

  5. Skylla sagt:

    Die Russen schreiben ja sowieso nur klasse : )
    Wenn dir das Buch gefallen hat, solltest du auch unbedingt Tolstoi lesen.
    Und natürlich noch mehr Dostojewskij-Sachen.

  6. Anika sagt:

    ohja, ich will auch unbedingt noch was von Dostojewskij lesen, bin mir aber noch nicht sicher, was.
    Und tolstoi..okay, alle scheitern immer an krieg und frieden,das dann wohl lieber nicht, aber er hat ja auch noch andere geschrieben. Hast Du empfehlungen für beide? (Ich liebe Empfehlungen:-)

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